Presseschau

Samstag, 4. April 2020

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Die internationale Presseschauvon 12:50 Uhr

In der Corona-Krise mangelt es überall an Schutzauzsrüstung - das ist ein Schwerpunkt der Kommentare. Außerdem geht es um mögliche langfristige Konsequenzen, politischer wie gesellschaftlicher Natur.

Die schwedische Zeitung SYDSVENSKAN beklagt: "Gesichtsmasken, Gummihandschuhe und andere Einwegartikel sind bestellt und bezahlt - kommen aber nicht an. Schwedische Exportunternehmen haben wiederum Schwierigkeiten, dringend benötigte Artikel in besonders Corona-geplagte Länder wie Italien und Spanien zu liefern, weil in Frankreich Exportverbote bestehen und der Landweg verschlossen ist. Der Mangel an Krankenhausbedarf wird dazu führen, dass Menschen sterben, und die französischen Vorschriften untergraben die europäische Zusammenarbeit. Für den Infektionsschutz mögen harte Maßnahmen nötig sein, aber sie wirken sich verheerend aus, wenn sie dringend benötigte Warenströme abwürgen. Lebensmittel, Medikamente und Medizinbedarf müssen in ganz Europa durchkommen können", fordert die Zeitung SYDSVENSKAN aus Malmö.

Auch die spanische Zeitung EL PAIS beobachtet einen solchen Trend: "Inzwischen mehren sich die internationalen Spannungen wegen der Lieferung von Atemschutzmasken. Es gibt Streit zwischen Frankreich und den USA, aber indirekt auch mit China, Schweden, Italien und Spanien. Dies zeigt die Schwächen der Instrumente zur Bewältigung der Corona-Pandemie. Hier bräuchte es mehr Zusammenarbeit statt Protektionismus und Streitigkeiten, durch die alle Beteiligten Schaden nehmen. Die internationale Ordnung ist nicht perfekt, aber sie ist die einzige Garantie zur Bewahrung zentraler Werte und Erfolge. Der Luftkorridor nach China für die Lieferung von Sanitärbedarf ist wichtig, weil dadurch dringend benötigte Waren nach Spanien kommen, aber wir dürfen dabei auch nicht die Zusammenarbeit mit den europäischen Partnern aus dem Auge verlieren. Die Schließung von Grenzen zur Bekämpfung der Pandemie darf nicht bedeuten, dass es auf diplomatischer Ebene zu Gräben zu unseren Nachbarn, Partnern und Verbündeten kommt", warnt EL PAIS aus Madrid.

Die brasilianische Zeitung AGORA beklagt ebenfalls einen Mangel an Schutzausrüstung für Mitarbeiter des Gesundheitswesens: "Die Warnungen mehren sich, dass es womöglich in Kürze landesweit keine Atemschutzmasken, Handschuhe und Beatmungsgeräte mehr geben wird. Das darf nicht passieren, in einer solchen Situation ist die Politik gefragt. Die Versuche, diese Produkte aus China zu importieren, waren bislang nicht von Erfolg gekrönt: Die große Nachfrage aus anderen Ländern hat dazu geführt, dass jetzt ein brutaler und gefährlicher Wettbewerb um die chinesischen Produkte tobt. Brasilien sollte daher schleunigst seine eigene Produktion ausbauen. In den USA hat Präsident Trump ein Gesetz aus Kriegszeiten aktiviert und damit Autohersteller zur Herstellung von Beatmungsgeräten gezwungen. So weit muss es in Brasilien vielleicht nicht kommen, aber das Ausmaß der Krise erfordert beherztes Handeln - schließlich verfügen wir über die technischen Kapazitäten", betont die Zeitung AGORA, die in Sao Paulo erscheint.

Die WASHINGTON POST sieht im Umgang mit der Krise einige Negativbeispiele im eigenen Land, allen voran die Gesundheitsbehörde CDC, die "Centers for Disease Control and Prevention": "Die Behörde für Seuchenkontrolle und -prävention ist keiner ihrer Aufgaben nachgekommen. Ihre Labore in Atlanta, früher Goldstandard im Kampf gegen aufkommende Krankheiten, haben die Entwicklung eines Tests verpfuscht und so Wochen kostbarer Zeit verschenkt. Als die Pandemie bereits den Globus überrollte und in den Vereinigten Staaten Fuß fasste, zögerte die Behörde noch mit Reisehinweisen. Selbst heute, Monate nach Beginn der Krise, in der die Öffentlichkeit dringend klare, verwertbare Informationen braucht, ist die Coronavirus-Website der CDC ein Skandal. Inzwischen quält man sich bei der Behörde mit Fragen wie jener, inwiefern das Tragen von Tüchern oder Schals dazu beiträgt, eine Ansteckung mit dem Virus zu verhindern. Um sich in der gegenwärtigen Krise zu behaupten, ist es für die CDC zu spät. Die USA brauchen eine Strategie für den Umgang mit Covid-19, wenn die aktuellen Beschränkungen aufgehoben sind", verlangt die WAHINGTON POST.

Die Herausforderungen der Coronakrise seien zu groß für Präsident Trump, urteilt die NEW YORK TIMES: "Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er in den kommenden Monaten Präsident über den Tod von mindestens hunderttausend Amerikanern sein - in einer Krise, die er so lange ignorierte, bis er keine andere Wahl mehr hatte als zu handeln. Er wird versuchen - und er versucht es bereits - es so darzustellen, als ob er das Mögliche unternommen hätte. Aber das ist eine Lüge. Es stimmt, dass Trump einige Reisebeschränkungen für ausländische Staatsangehörige aus China verhängte, als das Virus öffentlich wahrgenommen wurde. Er hätte die Zeit, die Energie und die Verantwortung gehabt, weitaus mehr zu tun. Er tat es nicht", kritisiert die NEW YORK TIMES.

Die polnische Zeitung GAZETA WYBORCZA vermisst Transparenz und Führungsqualitäten der Warschauer Regierung: "Die Bürger wissen nicht, welche Strategie sie zur Bekämpfung der Epidemie verfolgt oder ob sie überhaupt eine Strategie hat. Die Internetseiten des Gesundheitsministeriums oder des Premierministers zeigen Informationen über die aktuellen Sicherheitsvorkehrungen und über den Rettungsschirm für die Wirtschaft, von dem wir heute bereits wissen, dass er keine ausreichende Wirkung zeigen wird. Doch wie es weitergehen soll, wird den Menschen nicht gesagt. Kein Wort darüber, ob wir in Polen ausreichend Atemschutzmasken oder Corona-Tests haben, wie die Teststrategie aussehen soll oder ob unsere Laboratorien über ausreichend Kapazitäten verfügen. Verglichen mit der Datenlage etwa in Frankreich sehen wir, welche wesentlichen Informationen uns vorenthalten werden", unterstreicht die GAZETA WYBORCZA aus Warschau.

Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG sieht die Gefahr, dass Populisten langfristig von der Coronakrise profitieren könnten: "Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie sind gravierend. Können Massenarbeitslosigkeit und Armut nicht verhindert werden, liefert das populistischen Politikern fruchtbaren Boden. Zudem wirkt die Corona-Krise schon jetzt wie ein Vergrößerungsglas auf soziale Ungleichheiten: zwischen jenen, die die Ausgangssperre in ihren Ferienhäusern auf dem Land abwarten, und jenen, die zu viert oder fünft in Zweizimmerwohnungen festsitzen. Zwischen jenen, die als Kassierer, Lieferanten oder Busfahrer weiter zur Arbeit gehen, und jenen, die im Home-Office vor Ansteckungen geschützt sind. Jede Polarisierung der Gesellschaft suchen Populisten für sich zu nutzen", warnt die NZZ aus der Schweiz.

Nach Ansicht der Zeitung TROUW aus den Niederlanden wird Europa gestärkt aus der Krise hervorgehen: "Europa hat seine Reihen wieder geschlossen. In der gesamten Union wissen wir uns getragen durch eine Welle von Mitgefühl. Während der vergangenen Wochen haben wir gesehen, wie Ärzte und Pfleger im Ruhestand den Ruf der Pflicht erhörten, und wie Millionen andere sich meldeten, um als Freiwillige zu helfen. Wir haben gesehen, wie Restaurants erschöpfte Pflegerinnen und Pfleger mit Mahlzeiten versorgen, wie Designer Schutzkleidung nähen und Autohersteller Beatmungsgeräte produzieren. Diese Solidarität ist ansteckend. Dank dieses Impulses ist das wirkliche Europa wieder zurück. Das Europa, das zusammenarbeitet, weil niemand es alleine schafft", schreibt die Zeitung TROUW aus Amsterdam.

Der österreichische STANDARD lenkt den Blick auf die Zeit nach der Krise: "Wie schön wäre es, ginge unser Staat - ist das Virus erst einmal besiegt - mit der gleichen Vehemenz gegen die anderen Seuchen vor, die zwar genauso unsichtbar, aber mindestens ebenso bedrohlich sind wie das Coronavirus: Ungleichheit etwa, Rassismus oder Klimawandel. Ob sich das nun, wo wir als Gesellschaft durch eine der schwersten Krisen seit Menschengedenken gehen, ändert, steht in den Sternen. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen. Denn wenn nicht jetzt, wann dann?"

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